ANNA
conact.ev
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MORGENSTUND HAT GOLD

im Mund

06.00 Uhr morgens. Sonnenstrahlen kitzeln meine Nase. Ich öffne meine Augen und blinzle in die aufgehende Sonne. Für eine kurze Zeit bleibe ich liegen und genieße das Vogelgezwitscher und die leisen Kinderstimmen. In Indien beginnen die Tage früh morgens, meist vor der aufgehenden Sonne. Langsam suche ich den Weg aus dem Moskitonetz unter die erfrischend kühle Dusche und mache mich dann auf nach unten zu den Kindern.
Auf der Treppe treffe ich auf Janani. Mit einem großen Lachen begrüßt sie mich in den neuen Tag und läßt meine Müdigkeit sofort verfliegen. Wie an fast jedem Morgen erzählt sie mir kurz von ihrem Traum und ich ihr danach von meinem.

Im Erdgeschoss herrscht bereits reger Betrieb. Ich folge dem Duft von frischem Sambar und finde Usha hinter zwei Töpfen und einer großen Dampfwolke. Sie bereitet bereits zwei verschiedene Gerichte zu; eines für das Frühstück und eines für den Lunch der Kinder. Ich fülle mir einen Becher mit süßem Chai Tee und geselle mich zu Joysree, Tamil und Poongolai. Poongolai grinst mich schief an und zeigt auf meine verkehrt herum angezogenen Hosen.
Ich beobachte die Kinder, wie sie den viel zu heißen Tee mit hohen Bogen von einem Becher in den anderen gießen und versuche es ihnen nachzumachen. Nicht ganz so einfach wie es aussieht! Poongolai nimmt mir meinen Tee ab und erledigt es für mich in 5-6 schnellen Bewegungen. Weitere Kinder haben sich zu uns gesellt und eine hitzige Diskussion nimmt ihren Anlauf. Man bemerkt meinen fragenden Blick und schnell wird mir auf Englisch erklärt, daß heute eine wichtige Tamil-Prüfung bevorsteht.

Wie jeden Morgen genieß ich das kurze Zusammensitzen mit einem Becher Tee und die angenehme Stimmung des frühen Morgens.

Hema kommt mit einem Teller Gemüse daher, das geschnitten werden muß. Wir setzen uns gegenüber und beginnen mit den Zwiebeln. Nach einigen Minuten blicken wir uns mit Tränen verzerrten Augen an und beginnen zu Lachen. Die Tränen der Zwiebeln vermischen sich mit Tränen vom Lachen. Einen tollen Start in den Tag.

Um uns herum wird geputzt, die Alltagskleider gewaschen, geduscht, Pflanzen gegossen, Schulranzen geflickt und die letzten Hausaufgaben werden erledigt. Jeder hat etwas zu tun und ist beschäftigt. Aufs Neue bin ich erstaunt, was die Kinder bereits so früh morgens alles leisten und erledigen.

Ich bahne mir den Weg nach draußen auf die kleine Nebenstraße, an der sich das Enga Veedu Kinderheim befindet. Vor dem Eingangstor springt mir ein großes Kolam entgegen. Ein Kolam ist eine Art Mandala, das mit weißem oder auch farbigem Reismehl in einem speziellen System auf den Boden gezeichnet wird. Da zurzeit ein mehrtägiges Festival stattfindet, sind die Kolams momentan besonders bunt und groß. Sie werden jeden Morgen gleich nach dem Chai Tee von den Kindern erstellt. Es ist ein wunderbares Gefühl, durch die Strassen Pondicherrys zu gehen und die vielen Kolams in den unterschiedlichsten Formen und Größen zu bestaunen., die sich vor allen Eingangstüren und Toren befinden.
Unter den Bäumen vor dem Haus machen sich die Mädchen gegenseitig die teils hüftlangen Haare. Sie werden gekämmt, mit Kokosnußöl eingerieben und danach links und rechts zu zwei Schulzöpfen geflochten. Moskitos schwirren derweilen bluthungrig um uns herum. Um vor ihnen zu fliehen, stehe ich auf und beginne, die gelben und roten Blüten von den Bäumen zu pflücken. Mangayakarasi erstellt mit ihnen bunte Blumenketten, die später beim morgendlichen Gebet als Opfergabe um den Hals der Ganeshastatue gelegt werden. Unmittelbar nachdem sie die Ketten fertiggestellt hat, klingelt auch schon die Glocke. Sambadem, der Heimleiter, ruft die Kinder zur Puja zusammen. Die Puja ist das morgendliche Gebet, bei dem die Götter Indies geehrt werden. Alle zusammen stehen wir um die kleine Ganeshastatue vor dem Haus im Hof und die Kinder sprechen die Mantras, die Gebestsformeln. Nach der respektvollen Verneigung Richtung Osten am Ende der Puja suchen sich alle in der Halle einen Platz am Boden, um das Frühstück einzunehmen. Usha hat heute Idli zubereitet, eines meiner Lieblingsspeisen. Dabei handelt es sich um weiße, gedämpfte runde Küchlein aus einem Teig aus Uridal und Reis. Dazu gibt’s Kokosnußchutney und Sambar. Die älteren Kinder haben das Haus noch vor dem gemeinsamen Frühstück verlassen und sitzen bereits auf ihren Schulbänken.

Nachdem alle restlichen Kinder ihre Bäuche gefüllt haben, werden noch die letzten Sätze in die Aufgabenhefte geschrieben, die letzten Schuluniformen angezogen und die letzten Lunchtaschen gepackt. Um ungefähr 8.30 Uhr sucht sich Sakthivel sein Schuhpaar unter den vielen Kinderschuhen zusammen und stellt sich wartend vor das Eingangstor. Die Anderen folgen ihm einer nach dem anderen und sobald sich alle draußen auf der Straße befinden, gesell auch ich mich zu ihnen. Hand in Hand laufen wir zur Bushaltestelle, die sich 5 Minuten vom Enga Veedu entfernt befindet. Unterwegs beantworte ich ihnen Fragen über meine Familie und meine Lieblingsschulfächer, wir lachen über ein Huhn, das sich im Slalom durch unsere Bein irrt und viel zu schnell sind wir bereits auf dem großen Sandplatz bei der Bushaltestelle. Der Schulbus kommt, ich achte, daß alle eingestiegen sind und winke den Kindern und ihren Schulkameraden lachend hinterher und freue mich bereits auf den späteren Nachmittag, wenn sie voll mit neuen Geschichten zurück von der Schule kommen.


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